21ST.CENTURY ART  "DIE REFLEXIONEN DER ZEIT"

 

Text: Professor Dr. Dr. Peter Rautmann
Die Malerei als Wiederstand gegen die verschlingende Zeit.
Tod Leben Liebe Gewalt Albträume Hoffnung Traum Schlaf - die immer wiederkehrenden Themen der Menschen - das liegt als künstlerischer Beweggrund den Bilder des jungen Bremer Malers Berend Bode zugrunde. Dort ansetzten, den menschlichen Grundthemen eine zeitgenössische Gestalt geben, nicht ohne Erinnerung an die Tradition der europäischen Malerei, an die Weltreligionen an die Glaubenspotentiale, an das eigene Ich. Berend Bode sucht die geistigen Dimensionen und Gehalte dieser Themen auszuloten. "Bestie Zeit“– so der Bildtitel eines der Bilder von 2006 Berend Bode. Bode benennt das Thema der Zeit, welches eine der wichtigs­ten künstlerischen Reflexionen des Malers widerspiegelt.

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Das Thema wiederholt sich und bestimmt in unterschiedlichen Aus­prägungen seine Bildwelt. In „Bestie Zeit“ scheint ein junger Mann (der Künstler?) sich dem Bild einer anonymen modernen Großstadtstraße mit ihren Blechlimousi­nen, stereotypen Bauten und Tankstellen erwehren zu wollen: Das Stadtpanorama nach dem Vorbild einer Ansicht Chicagos der fünfziger Jahre erscheint wie eine bemalte Blechwand, die der junge Mann beiseite zu schieben trachtet, nur um gleichzeitig einer Dogge mit fletschenden Zähnen ausgesetzt zu sein. Zum einen ist es die Geschwindigkeit (das Auto als mo­tivischer Hinweis) und das Verrinnen der Zeit wie ein unerbittlicher  Fluss (niemand steigt zweimal in den selben Fluss), welche das Grundthema vorgibt, zum anderen der abweisende Charakter des Lebens selbst. Es ist die Zeit der Gegenwart, die in ihrer Anonymität und Kälte als bedrohlich emp­funden wird. Gegen dieses Bild der Zeit kämpft der junge Mann an, schiebt diese Vorstellung zur Seite;darunter erscheint das weiße Nichts in seiner Doppeldeutig­keit: das leere Weiß als Bild eisiger Kälte wie auch abstrakte Hoffnung auf einen Neuanfang; ein Stillstehen der Zeit, ein Nirwana der Zeitlosigkeit.

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Dieser künstlerisch-sinnlichen Zeitreflexion lassen sich Bilder wie „Das Zerrbild der Zeit (Japanese Church)“ von 2005 zugesellen, in dem die linke Seite mit dem Großstadt­motiv aus „Bestie Zeit“ bereits angelegt war; allerdings ergänzen auf der rechten Seite ein verfließender Frauenakt und eine Großstadtfigurine im netzartigen Trikot das Ambiente. Mit den Farbbahnen und den ins Bild regnen den grünen Blättern kommt ein Stück Natur und Hoffnung in die triste Stadtlandschaft.

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Auch in anderen Bildern hat man nicht die Empfindung eines geruhsamem Umgehens mit der Zeit , vielmehr wird diese, in ihrem unaufhaltsamen Ablauf, als eine zerstörerische erlebt, die eben wie ein aggressives Tier, eine Bestie, handelt. Das Zeiterleben ist also nicht kontemplativ, in einer Art Zeitlosigkeit aufgehoben,vielmehr sind ihr alle Lebewesen in ihrem unent­rinnbaren  Zerfließen unterworfen. Nichts ist beständig, kann festgehalten werden. Die Dingwelt zerrinnt buchstäblich zwischen den Fingern der Hände. Die Bilder Bodes dokumentieren diese Alltagserfahrung,obwohl das Kunstwerk, als ein in der Farbe geronnenes,fixiertes,auch wieder der Zeit enthoben ist. Bode sieht auch die bildliche Produktion von diesem Malstrom erfasst: Das Bild wird gleichsam, wie ein Stofffetzen,hinweggerissen. Das Verfließen der Zeit wird symbolisch in verrinnenden Gegenständen, wie es bereits der Surrealismus, insbesondere Salvador Dali erprobte, festgehalten.

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 Eine Art Schlierenmalerei erfasst die gesamte Oberfläche auch vieler neuer Bilder und versetzt die Dingwelt in eine Unschärferelation - sie beginnen zu verschwimmen. Wie wenn man in eine klare Wasseroberfläche, in der sich die Dingwelt spiegelt, einen Stein hineinwerfen würde mit der Folge, dass die sich ausbreitenden Wellen die Erscheinung aller Dinge verzerrte. Besonders stark ist dies in "Gedankenspalt" von2004, aber auch für "der Pilger" gilt dies,der noch hoffnungsvoll seinem Ziel, dem heiligen Grab des Apostels Jacobus im spanischen Santiago de Compostella, entgegen strebt. Auch politische Themen unterliegen dem gleichen Zeit- und Bildempfinden. Im "Der Aufstieg" von 2003 symbolisiert die Treppensituation zum einen den versuchten politischen Aufstieg der Unterdrückten, wie in der verwischten Malweise zugleich Bewegung und das Mühsamen ja die Unmöglichkeit von Erinnerung zum Ausdruck kommt.  

Wie kann eigentlich das Medium Tafelbild, das im Unterschied zum bewegten Medium des Films ja ein " stilles Bild", eine Flächen- und Raumkunst ist, das andere, eben Zeit und Bewegung evozieren? Dies muss durch spezifisch bildkünstlerische Einsätze, wie sie bereits angedeutet wurden, erfolgen. In dem Bild " Das Paar", das in zwei Variationen vorliegt, wird die Zeit-Methapher in mehrfacher Hinsicht verarbeitet: als historische Zeit in dem Doppelportrait" Giovanni Arnolfini und seiner Frau" von Jan van Eyck aus dem Spätmittelalter, das zum bildnerischen Ausgangspunkt genommen wird.Van Eyck wollte ein einmaliges Ereignis wohl eine Hochzeitszeremonie , einen einmaligen Moment, im Bild fixieren: Die genaue Darstellung der mit den Sinnen begreifbaren Wirklichkeit mit all ihren Facetten enthebt diesen Augenblick dem Diktat zerrinnender Zeit-" Könnt ich zum Augenblicke sagen, verweile doch ,du bist so schön",erhofft sich der erblindete alte Faust . Auch Berend Bode misstraut der Illusion zeitenthobenen Glücks. Sein Paar wird gewissermaßen in einen psychedelischen schlierenartigen Farbraum gerissen, in den Strom der Zeit zurückversetzt. Das Motiv des bildzentralen Spiegels aus van Eycks Bild wirkt in diesem Sinn: Der kreisförmige Bildrahmen lässt durch die zahnradartige Form das Bild der rollenden Zeit assoziieren.

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Bode bezieht sich wiederholt in seinen Bildern auf die europäische Tradition der Malerei, vor allem auf die figürliche europäische Malerei mit ihrer historischen, religiös bestimmten Bildwelt, sowie die Welt des neuen Bürgertums. In Bodes „Abendmahl“-Bild spielt er auf Caravaggios „Christus in Emmaus“ an und thematisiert mit dem historischen Bezug zugleich die Frage nach der Möglichkeit von Erinnerung, Verschwinden wie Auftauchen von Gedanken, einer Welt des Geistes. In Bodes Bild erscheint das Geschehen wie hinter einem Schleier, die Figuren wie durch­sichtig. Die Gesten haben überlebt, das konkrete Geschehen ist jedoch abstrahiert- kein Verweis auf Brot und Wein. Einzig einige Farbspuren deu­tenauf Tod und Auferstehung, sind Farbspuren der Erinnerung.

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Das Ausloten der künstlerischen Möglichkeiten einer Male­rei des Verwischens, der es gleichzeitig um konkrete, gesell­schaftliche und politische Themen, ja Botschaften geht,  ist das eigentliche künstlerische Thema, dem sich Berend Bode zunehmend widmet: Die klare Gegenstandswelt aus Bildern des Zeitraums bis 2000 (beispielsweise „Die dunkle Straße der Kinder“ von 2000)bleibt zwar noch erhalten, wird aber in ein prozesshaftes Malverfahren überführt oder diesem konfron­tiert und unterschiedlich ausgedeutet.

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Dabei geht Bode von gegenständlich nahe liegenden Bildmotiven aus in denen der Aspekt des Verwischens und der Unschärfe demonstriert werden kann: Dusche I und II sind solche Vorwürfe, in denen das Motiv des fließenden Wassers in seiner Vermischung mit dem menschlichen Körpern zu Momenten der Verzerrung, der Auflösung, der Verselbständigung von Details führen kann.

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In Bildern wie "Der Aufstieg I und II" von 2003, aber auch " Der Aufstand " aus dem gleichen Jahr und "Tatarus" von 2005 wird die Malweise des Vermalens genutzt, um die gesellschaftlichen Konflikte,die hier thematisiert werden, zu verallgemeinern.Bode wählt solche aus der Gegenwart, die zugleich ihre langen Schatten in die Vergangenheit werfen. Der Maler gibt künstlerische Kommentare zur Weltsituation, die, wen würde es wundern, von Gewalt geprägt ist.

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Wir erleben heute eine beispiellose neue, nie da gewesene Intensi­tät des Terrors und der Gewalt. Die große Kunst des Abendlandes hat sich diesem Thema immer wieder gestellt - Callots Radie­rungen über die Gräuel des dreißigjährigen Krieges, Goyas De­sastres de la Guerra, über die Gräuel des Bürgerkriegs in Spanien zur Zeit der Französischen Besatzung; ferner die Radierungen und Triptychen von Otto Dix über die Gräuel des ersten Weltkrieges, Pablo Pi­cassos „Guernica“ und seine Bild- kommentare zum KZ Buchenwald und zum Koreakrieg: sie alle waren Dokumente voraus gehender Schrecknisse und Barbarismen des Menschen. Heute haben wir es mit einer Allgegenwärtigkeit von Gewalt in den Medien zu tun. Ihre Präsenz wird zugleich konterkariert durch den Verschleiß der Bilder; sie lösen sich auf, sind nicht zu greifen. Eine Malweise des Verschwimmens ist eine mögliche Antwort auf diese Erfahrung. 

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Das Prozesshafte der Zeit wird auch bedeutsam, um die psychische Welt des menschlichen Innenlebens mit seinen Abgründen, die Thematik von Gewalt und Aggression, die überall lauert, auszuloten. Konnte der historische Ausgangspunkt bei van Eyck auch bedeuten: Vergewisserung und Hingabe an die Darstellung der Gegenstandwelt als Preisen der Gott gewollten Schöpfung, so lenkt Bodes Veränderung der Wirklichkeit den Blick auf die Zerstörung dieser Schöpfung, auf die Hölle als Gegenwart mit den Themen der Gewalt, auf die gefährlichen Untiefen psychischer Realität, auf die Welt der Emotionen: der Spiegel wird zum Zerrspiegel; der Spiegel bildet nicht ab sondern macht sichtbar.

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Wahrnehmung beschränkt sich nicht nur auf eine äußere, das Sichtbare darstellende, sondern schließt eine innere Wahrnehmung ein. Bode untersucht mit künstlerischen Mitteln Bewusstseinszustände vom Traum, Schlaf, seinen Phasen vomTiefschlaf bis zum Erwachen und dem Wachzustand, dem Bewusst­sein. Er macht sich wissenschaftliche Kenntnisse der Schlafforschung – zum Beispiel das Absinken in die Tiefschlafphase - zu nutze, um hierfür Bilder zu ent­werfen , die das illustrieren, wie in “Die Ebenen des Schlafs“ von 2005. Der Schlaf ist wiederum eng mit dem Thema der Nacht verbunden. DieNacht kann  dabei vertraute Nacht sein, die den Menschen mit ihrer Dunkelheit schützend umhüllt; sie hat aber auch eine bedrohliche Kehrseite, evoziert Ängste wie Alpträume. Wird das Schützende und regulie­rende des Alltagsbewusstseins wie der Vernunft aufgegeben, zeigen sich auch die dunklen Seiten der eigenen Triebwelt, Aggressionen freisetzend.   

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"Der Zoo bei Nacht“ wählt ein Tierthema, um diese gefährliche Mischung aus Gedanken, Trieben, Wünschen in einer unkontrollierten chaotischen Gemengelage zu zeigen.  Die Verselbständigung von Gedanken, ihre Materialität, ihr Loslösen von der eigenen Person – diesem Thema widmet sich Bode in dem Bild „Gedankenspalt“ von 2004 . Das Ungreifbare abstrakter Gedanken wird von ihm in das Greifbare einer gegenständlichen und bild­künstlerischen Oberfläche übersetzt. Man hat den Eindruck von Haut, die der Körper­lichkeit, dem festen Gerüst des Körpers und Kno­chensystems beraubt ziationen des Betrachters, beispielsweise Erinnerungen an Filme von David Lynch, in denen den Untiefen einer Welt jenseits der heilen Oberfläche einer mittelständisch ameri­kanischen Kleinstadtwelt nachgespürt wird.

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Bode wagt sich auch an aktuelle, meist religiöse Themen, so die öffentliche, über die Medien präsente Agonie-Phase des letzten Papstes und sucht mit bildne­rischen Mitteln das allmähliche Versinken des sterbenden Papstes in einen Däm­merzustand und das Hinübergleiten in das Verlöschen von Bewusstsein sichtbar zu machen „Die letzte Stimme“: zeichnet das Absinken in unbewusste Zustände, den Auflöseprozess im Verwischen des Gesichts nach; zugleich lassen sich die Farbschlieren auch als Aufzeichnung letz­ter akustischer Signale der Stimme deu­ten. Die Vorstellungswelt dieser Bilder ist vergleichbar Kultfilmen der letzten Jahre, wie „Matrix“, die von religiösen Wieder­geburts- und Erlösungsgedanken durchzogen sind.

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So sucht " Die Geburt des neuen Papstes" von 2005 eine quasi mystische Verbindung mittels einer Blutspur  zum neuen zu signalisieren- die Farspur ist auch als Narbelschnur zu deuten, sozusagen die Geburt des neuen Papstes aus dem Geist des alten. Eine gewisse ironische Distanz ist trotzdem auffällig, auch in dem Bild " die Kardinäle", das im wesentlichen nur aus der von hinten gesehenenbewegten Masse roter Kardinalshüte besteht; nur Stuhllehnen sind zusätzlich angedeutet und werden uminterpretiert zu einem Gestänge gelber Rechteckformen

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So sucht " Die Geburt des neuen Papstes" von 2005 eine quasi mystische Verbindung mittels einer Blutspur  zum neuen zu signalisieren- die Farspur ist auch als Narbelschnur zu deuten, sozusagen die Geburt des neuen Papstes aus dem Geist des alten. Eine gewisse ironische Distanz ist trotzdem auffällig, auch in dem Bild " die Kardinäle",das im wesentlichen nur aus der von hinten gesehenenbewegten Masse roter Kardinalshüte besteht; nur Stuhllehnen sind zusätzlich angedeutet und werden uminterpretiert zu einem Gestänge gelber Rechteckformen

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Anders bei den Bezügen auf ältere religi­öse Bilder der Kunstgeschichte –so in dem bereits früher erwähnten „Abendmahl“ nach Caravaggio. In der „Kreuzabnahme (Petri)“nach dem gleichen Maler spielt er mit der Isolierung eines Bildmotivs und dessen Umdeutung: durch die Spiegelung des Motivs wird aus einer Kreuzigung bei Caravaggio eine Kreuzabnahme bei Bode. Zusätzlich erweitert er das bildnerische Ge­schehen durch den Gegensatz von abbild­hafter Malerei und einer expressiven, freien Malweise. In solchen Bildern eröffnet sich Bode eine Freiheit künstlerischer Malwei­se und der Kombination unterschiedlicher Malverfahren, die in ihrem Dialog-charakter mehrschichtigen Deutungen offen steht. Man darf daher gespannt sein, wie die künstlerische Reise von Berend Bode in der Zukunft weiter geht.